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Digital

„Digitalisierung ist ein wichtiger Mehrwert bei der Patientenversorgung“

Von der Pandemiebekämpfung bis zur personalisierten Medizin: BPI-Digitalexperte Tom Mühlmann über den Nutzen der datengetriebenen Forschung.

   

Herr Mühlmann, um was genau geht es bei digitalen Neuerungen im Gesundheitswesen?

Tom Mühlmann: Aktuell bauen wir in Deutschland das Thema „Digitale Gesundheit“ in großen Schritten aus. Das Kernstück der digitalen Infrastruktur im Gesundheitswesen bekommen wir in zwei bis drei Jahren mit der elektronischen Patientenakte, kurz ePA. Dort werden perspektivisch alle Patientendaten erfasst. Mit der ePA wird dann auch das elektronische Rezept verknüpft, so dass ich einen elektronischen Medikationsplan über die Akte führen kann – das heißt, ich kann Nebenwirkungen oder die Kombination aus verschiedenen Arzneimitteln überprüfen, denn die Informationen sind alle in einer Datenbasis entsprechend miteinander verknüpft. 

   

Welche weiteren Vorteile haben Patientinnen und Patienten dadurch?

Denken Sie nur mal an die Situation, dass Sie zum Beispiel aus dem Krankenhaus entlassen werden und alle Ihre aktuellen Gesundheitsdaten gleich in Ihrer elektronischen Patientenakte parat haben, wenn Sie zwei Tage später beim Hausarzt vorstellig werden. Ein immenser Vorteil im Vergleich zu heute, wo es so abläuft, dass Ihnen etwa sechs Wochen später die Röntgenbilder per Post aus dem Krankenhaus hinterhergeschickt werden und der Hausarzt solange im Dunkeln bleibt. 

   

Was gibt es für Zukunftsszenarien für die Weiterentwicklung der Medizin?

Wir werden große Fortschritte durch eine personalisierte Medizin erreichen. Wenn es uns gelingt, die Gesundheitsdaten einzelner Personen und die entsprechende Wirkungsweise von Medikamenten vollständig und digital zu erfassen, dann sehen wir uns in etlichen Jahren in einem Szenario, wo zum Beispiel die 75-jährige Dame nicht mehr jeden Morgen sieben Tabletten in einer bestimmten Zusammensetzung nehmen muss, sondern nur noch eine einzige Tablette aus einem kleinen 3D-Drucker, in der alle Wirkstoffe speziell für sie enthalten sind. In Kombination mit einem Vitaldaten-Checker – einem Sensor am Handgelenk – kann diese Medikation, falls nötig, täglich angepasst werden. Das sind die perspektivischen Vorteile der Digitalisierung – der Austausch von Daten und die Nutzung von Daten bis hin zu einer personalisierten Medizin. 

   

Welche Voraussetzungen sind für eine solche Verfeinerung der Therapie-Angebote nötig?

Um einen solchen Mehrwert für die Patienten wie die eben beschriebene personalisierte Medizin erschaffen zu können, sind große Datentöpfe und eine Vernetzung der verschiedenen Datenquellen notwendig. Wir wünschen uns daher zum Beispiel, dass die Industrie unter Einhaltung der datenschutzrechtlichen Voraussetzungen Zugriff auf Gesundheitsdaten aus dem Forschungsdatenzentrum bekommt, für das auch Patienten ihre Daten „spenden“ können. Und zum anderen unterstützen wir natürlich den weiteren Ausbau der digitalen Infrastruktur im Gesundheitswesen, um über eine verbesserte und umfassende Datenerfassung letztendlich auch eine bessere Versorgung der Patienten sicherzustellen. 

   

Wie kann die Digitalisierung der Pharmaindustrie bei der Pandemie-Bekämpfung helfen?

Es zeigt sich gerade in der Pandemiebekämpfung, wie wichtig eine flächendeckende Erfassung und der Austausch digitaler Daten ist – sowohl für die Gesundheitsversorgung in der aktuellen Lage als auch für die Forschung. Israel zeigt, was möglich ist: Dort konnten aufgrund der Erfassung der Daten der geimpften Personen und der Rückmeldung an den Impfstoffhersteller weitere Studien durchgeführt und so der ganze Impfprozess beschleunigt werden. Daher ist die Digitalisierung und die Bereitstellung von Daten für die pharmazeutische Industrie ein wichtiger Baustein, um die Versorgung der Patientinnen und Patienten zu verbessern. 

   

Wie wichtig wird das Thema Digitalisierung in den kommenden fünf Jahren in der pharmazeutischen Industrie werden?

Alle Mitgliedsunternehmen des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie beschäftigen sich mit dem Bereich Digitalisierung. Sie ist ein wichtiger Faktor auf allen Stufen der Wertschöpfungskette – von Forschung und Entwicklung bis hin zum Thema Arzneimittelsicherheit und Patientenkommunikation. Wir erwarten in den kommenden fünf Jahren weitere Investitionen in Innovationen im Arzneimittelbereich, die teilweise durch digitale Technologien ausgelöst und unterstützt werden. Denken Sie zum Beispiel an mehr Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei der Auswertung von Studienergebnissen. Aber man muss dazu sagen: Da steht dann zwar ein Rechner im Hintergrund, aber noch wichtiger ist die Investition in die Ausbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die entsprechende Datenanalystenfähigkeiten brauchen, um die richtigen Algorithmen und Programme dafür zu erstellen oder die Daten richtig zu interpretieren. 

   

Was muss sich in den kommenden fünf Jahren ändern, damit die Digitalisierung im Gesundheitswesen ihr volles Potenzial entfalten kann? 

Der Dreh- und Angelpunkt für eine noch bessere Patientenversorgung durch die Digitalisierung ist die breite Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten. Dafür müssen zwei wichtige Punkte geklärt werden: Der eine ist die Klärung des Themas Datenschutz. Wir haben ja bei personenbezogenen Daten und noch viel mehr bei den besonders schützenswerten Daten im Gesundheitsbereich allein in den unterschiedlichen Bundesländern ganz unterschiedliche Gesetzgebungen und – noch schlimmer – ganz unterschiedliche Auslegungen der Datenschutzregularien. Damit ist es heute schwierig, Daten zu sammeln und auszuwerten für die Nutzung in der pharmazeutischen Forschung. Das ist etwas, das sich ändern muss: Wir müssen hinfinden zu einer Harmonisierung und einheitlichen Interpretation der Datenschutzrichtlinien. Damit einhergehend – und das ist der zweite wichtige Punkt – spielt dann natürlich auch das Vertrauen, das die Bevölkerung in datengetriebene Projekte setzt, eine große Rolle. Ich glaube, dazu braucht es eine viel deutlichere, positivere Kommunikation über die Vorteile, die aus der Verfügbarkeit von Daten zur Verfügung stehen, gerade im Bereich Gesundheit.

   

Zur Person: Tom Mühlmann studierte BWL sowie Wirtschaftsinformatik und baute seine Expertise für das digitale Zeitalter in internationalen Technologieunternehmen und Start-ups auf. Seit 2019 verantwortet er das Geschäftsfeld „Digitale Transformation“ beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, zudem ist er Mitglied der Geschäftsleitung.

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